Wasser und Ursprung: Tiefe und die Kraft des Vertrauens
Der Winter ist in der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) die Zeit der Wandlungsphase Wasser. Es ist die Phase der Sammlung, der Stille und der Rückkehr zum Ursprung. So wie sich in der Natur alles Leben im Winter zurückzieht, um Kraft zu sammeln, sind auch wir Menschen eingeladen, unsere Energie zu bewahren, zu nähren und zu vertiefen.
Die Wandlungsphase Wasser symbolisiert den Ursprung unseres Seins. Denn alles Leben kommt aus dem Wasser. So liegt in ihr liegt die Quelle unserer Lebenskraft: das Jing, unsere Essenz, unser Lebensvorrat, das vorgeburtliche Qi. Jing ist kostbar. Es bestimmt unsere Konstitution, unsere Widerstandskraft, unsere Entwicklung, unser Altern – und letztlich, wie tief verwurzelt wir im Leben stehen.
Niere und Blase – Die Hüter der Lebensessenz
Zur Wandlungsphase Wasser gehören die Organe Niere und Blase.
Die Niere ist in der TCM weit mehr als ein „Ausscheidungsorgan“. Denn sie bewahrt unser Jing und ist damit die Wurzel unserer Lebenskraft.
Sie:
- unterhält das Mingmen-Feuer – das innere Lebensfeuer, das alle Stoffwechselprozesse wärmt und antreibt
- nährt Gehirn, Mark, Knochen und die Sexualorgane
- öffnet sich in den Ohren – daher sind Hören und Gleichgewicht eng mit der Nierenenergie verbunden
- zeigt sich in der Qualität unserer Knochen, Zähne, unserer Fruchtbarkeit und unserer geistigen Klarheit
Die Blase folgt der Niere in der Regulation des Gleichgewichts unserer Körpersäfte. Sie hilft, Reines von Unreinem zu trennen und Belastendes loszulassen. Der Blasenmeridian verläuft über den gesamten Rücken und hat so eine wichtige stützende und stärkende Wirkung – körperlich wie energetisch.
Angst und Vertrauen – Die emotionale Qualität des Wassers
Die zur Niere gehörige Gefühlsregung ist die Angst. Angst ist zunächst eine natürliche, schützende Reaktion. Doch wenn sie uns festhält, wenn sie chronisch wird, dann geschieht etwas Entscheidendes:
Aus Wasser wird Eis und der Lebensfluss erstarrt.
Der Mensch verliert den Kontakt zum natürlichen Fließen des Lebens. Er zieht sich innerlich zurück, wird starr, erschöpft oder mutlos.
Die tiefere Lösung liegt nicht im Kampf gegen die Angst, sondern in etwas anderem: Sich dem Wasser hingeben.
Unbeirrt und unbefangen – im Vertrauen auf die Richtigkeit des eigenen Fließens.
Wasser findet immer seinen Weg. Es weicht Hindernissen aus, sammelt sich, wird still oder kraftvoll – je nachdem, was die Situation erfordert. Diese innere Haltung ist die eigentliche Medizin der Nierenenergie.
Zhi – Der Geist der Niere
In der Niere wohnt der Geist Zhi. Er steht für:
- Willenskraft
- Ausdauer
- innere Zielstrebigkeit
- schöpferische Kraft und Durchhaltevermögen
Zhi ist die Kraft, die das vollendet, was im Herzen (Xin) als Absicht entsteht. Ohne Zhi bleiben Visionen Träume. Mit einem starken Zhi jedoch werden sie Schritt für Schritt Wirklichkeit – ruhig, beständig und tief verwurzelt.
Ist die Nierenenergie geschwächt, zeigt sich das oft als Willensschwäche, Mutlosigkeit, Resignation oder das Gefühl, dem Leben nicht mehr wirklich gewachsen zu sein.
Anzeichen einer geschwächten Wasserenergie
Eine Schwäche der Wandlungsphase Wasser bzw. der Nierenenergie kann sich auf vielen Ebenen zeigen, zum Beispiel durch:
- Knochen- und Gelenkbeschwerden, besonders bei Kälte
- Osteoporose
- Erschöpfung und vorzeitiges Altern
- Eingeschränkte Hirnfunktionen, Konzentrations- und Gedächtnisschwäche
- Unfruchtbarkeit, Libidoverlust
- Schwerhörigkeit, Tinnitus
Angstzustände, depressive Verstimmungen- Mangel an Willenskraft und innerer Stabilität
All diese Symptome weisen auf eine Erschöpfung der tiefsten energetischen Reserven hin.
Wie wir die Wasserenergie nähren können
Der Winter lädt uns ein, Energie zu bewahren statt zu verbrauchen. Die wichtigste Frage lautet:
Was nährt meine Tiefe – und was raubt sie mir?
Ein paar zentrale Impulse aus der TCM und dem Yang-Sheng:
1. Ruhe und Rückzug
- Mehr Schlaf, mehr Stille, weniger äußere Reize
- Zeiten ohne Input, ohne Dauerbeschallung
- Frühere Nachtruhe – der Winter ist Yin-Zeit
2. Wärme bewahren
- Den unteren Rücken und die Füße warm halten
- Kälte schwächt die Nieren besonders schnell
- Wärmende Speisen und Getränke bevorzugen
3. Ernährung für die Nieren
Gekochte, wärmende Mahlzeiten- Besonders nährend: Suppen, Eintöpfe, Wurzelgemüse, schwarze Bohnen, Linsen, Nüsse, Samen, Hafer, Hirse
- Maßvoll mit Salz – aber nicht salzfrei (Salz gehört zum Wasserelement)
4. Sanfte Bewegung und Qi Gong
- Keine Verausgabung, sondern sammelnde, nährende Übungen
- Qi Gong und ruhige, fließende Bewegungen stärken die Nierenenergie tief und nachhaltig
5. Pflege der inneren Haltung
- Vertrauen kultivieren statt Kontrolle
- Sich dem eigenen Lebensfluss anvertrauen
- Die eigenen Kräfte achten und respektieren
Der Winter als Quelle der Erneuerung
Wenn wir den Winter nicht als Mangelzeit, sondern als Zeit der Rückkehr zur Quelle verstehen, geschieht etwas Wunderbares:
- Aus der Stille wächst neue Kraft.
- Aus der Tiefe entsteht neue Klarheit.
- Aus dem Wasser wird im Frühling neues Leben geboren.
Die Wandlungsphase Wasser erinnert uns daran, dass wahre Stärke nicht aus Anstrengung entsteht, sondern aus Verwurzelung, Sammlung und Vertrauen in den eigenen Weg.





